Hermannus Contractus
Hermannus-Gemeinschaft Altshausen - Freunde und Verehrer Hermanns des Lahmen Katholisches Pfarramt St.Michael - Schlossstraße 7 - 88361 Altshausen
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Hermann der Lahme und das  Salve Regina E.Gruber, Bad Saulgau Herimannus Contractus, Hermann der Lahme,  genauer übersetzt: der Krüppel (1013 - 1054),  war im Mittelalter hochberühmt als vielseitiger  Gelehrter und begeisternder Lehrer der  Klosterschule auf der Reichenau; sein  Andenken blieb lebendig, weil ihm das SALVE  REGINA zugeschrieben wurde, eine  Kostbarkeit mittelalterlicher Dichtung. Den Sproß eines mächtigen schwäbischen  Grafengeschlechts, körperlich untauglich zu  einer standesgemäßen Karriere, brachte man  1020 im Kloster Reichenau unter und eröffnete  ihm so die Möglichkeit, trotz seiner Gebrechen  ein sinnerfülltes Leben zu führen: Er konnte  durch Gebet und Aufopferung seiner Leiden  heiligmäßig werden, oder aber in Bibliothek und  Klosterschule seine geistigen Fähigkeiten  ausbilden und nutzbar machen. Hermann ergriff  entschieden die zweite Möglichkeit und führte  trotz seiner Behinderung ein aktives Leben als  erstaunlich vielseitiger Gelehrter (Historiker,  Mathematiker, Astronom, Instrumentenbauer,  Musiktheoretiker), als Dichter und Komponist.  Er wollte sich möglichst viel Welt erschließen  und nicht hinter Menschen mit gesunden  Gliedern zurückstehen, eine heroische Leistung für einen Mann, der fast ganz  bewegungsunfähig war und nicht einmal ein  Buch halten konnte. Seine geistlichen Dichtungen - Hymnen und  Antiphonen, darunter eine Kreuzes- und eine  Osterhymne und "Alma redemptoris mater" -  zeugen von tiefer Frömmigkeit, die ja kein  Widerspruch zu Verstandesklarheit und Willens- stärke ist. Ein Lehrgedicht, das er für die  Nonnen in Buchau verfaßte, beweist, daß  dieser Mann zu all seinen Fähigkeiten auch  noch eine seltene Gottesgabe besaß, nämlich  Humor. 
Seine geistlichen Dichtungen - Hymnen und  Antiphonen, darunter eine Kreuzes- und eine  Osterhymne und "Alma redemptoris mater" -  zeugen von tiefer Frömmigkeit, die ja kein  Widerspruch zu Verstandesklarheit und  Willensstärke ist. Ein Lehrgedicht, das er für die  Nonnen in Buchau verfaßte, beweist, daß dieser  Mann zu all seinen Fähigkeiten auch noch eine   seltene Gottesgabe besaß, nämlich Humor. Sein Schüler Berthold, der Hermanns  Geschichtswerk fortsetzte, hinterließ eine kurze,  dichte Biographie seines verehrten Lehrers. Die  Analyse dieses Textes, insbesondere der  Träume, die Hermann kurz vor seinem Tod hatte  - die Traumdeutung nach Erkenntnissen  moderner Psychologie führt in seinem Fall zu  überzeugenden Ergebnissen - zeigt das  eindrucksvolle Bild eines unermüdlich tätigen,  leistungsorientierten Menschen, der sich nicht  auf den Bereich theoretischer Wissenschaft und  die Klosterschule beschränkte, sondern auch als Vordenker auf die große Politik des Reiches  Einfluss nehmen wollte.  Hermann hatte ein besonders enges Verhältnis  zu seiner Mutter Hiltrud; neben ihr wollte er in  Altshausen begraben werden. Sein Grab ist  verschwunden, die Echtheit eines in Altshausen  bewahrten Schädelfragments zweifelhaft. Um  1630 ist die Verehrung von Hermann - Reliquien  noch bezeugt; 1790 ist es damit vorbei, schon  die um 1750 neu ausgestattete Kirche in  Altshausen erinnert nicht mehr an ihn. Ein Ende  mit dem Hermann - Kult machte - außer in  Veringenstadt - vermutlich die Aufklärung, die  manche traditionellen und volkstümlichen  Formen der Frömmigkeit in die Nähe des  Aberglaubens rückte und bekämpfte. Neuere  Forschung hat den faszinierenden Menschen  und Wissenschaftler mit erstaunlich modernen  Zügen wieder entdeckt. Geblieben ist uns von Hermann dem Lahmen  das SALVE REGINA, das hier nach der ältesten  erhaltenen Fassung wiedergegeben wird; die  Interpunktion ist modern. Die folgende  
Interpretation ist insofern Stückwerk, als sie  sich nur mit dem Text beschäftigt. Salve, regina misericordiae, Vita, dulcedo et spes nostra, salve. Ad te clamamus exsules filii Evae,   Ad te suspiramus gementes et flentes In hac lacrimarum valle.   Eia ergo, advocata nostra, Illos tuos misericordes oculos ad nos  converte Et Jesum, benedictum fructum ventris tui,   Nobis post hoc exsilium ostende,   O clemens, o pia O dulcis Maria.   So ist die Antiphon (Wechselgesang für zwei  einstimmige Chöre) aus dem 11. Jahrhundert überliefert. Die Worte "mater" in der ersten  und "virgo" in der letzten Zeile wurden später  eingefügt, vielleicht von mariologischen  Perfektionisten, die dogmatisch bemängeln  konnten, dass die Jungfräulichkeit der  Gottesgebärerin im Urtext nicht erwähnt  wird. Dieser ist hier in Sprech/Singeinheiten  gegliedert. Rein formal ist er als Reimprosa  aufzufassen mit dem durchgehend  einsilbigen Reim "e/ae"; die Verse 4/5,6/7,  8/9 bilden dann jeweils eine Zeile. Der Reim  als Formelement akzentuiert die  Sinneinheiten, bindet gleichzeitig den  ganzen Text durch den Gleichklang und lässt außerdem , wie noch zu zeigen sein wird, die  äußerst konzentrierte gedankliche Aussage  auch "Laut" werden; das ist für uns noch  hörbar, obwohl sich die Vorstellungen von  Vers und Reim gewandelt haben. Seit 1135 war das SALVE REGINA im  Reformkloster Cluny in liturgischem  Gebrauch und verbreitete sich in alle Klöster  der Benediktiner, Zisterzienser und anderer  Orden. Das früh-mittelhochdeutsche  Arnsteiner Marienlied zitiert daraus um 1160,  was auf Volkstümlichkeit schon in so früher  Zeit hinweist, noch vor dem großen  
Aufschwung der Marienfrömmigkeit im  Mittelalter. Als Autor des SALVE REGINA wird Hermann  der Lahme im 15. Jahrhundert genannt. Die  neuere Forschung ist geteilter Meinung, ob  dieser Überlieferung zu trauen sei; wir wollen  hier auf die Einzelheiten des Gelehrtenstreites  nicht eingehen. Für Hermann als Verfasser  sprechen stilistische Ähnlichkeiten mit  Dichtungen, die unzweifelhaft von ihm  stammen.  Einem auch als Wissenschaftler geschulten  Dichter, wie Hermann einer war, steht nicht nur  der kunstvolle Aufbau, sondern vor allem die  klare gedankliche Gliederung der Antiphon wohl an. Die beiden Grußverse, gerahmt durch  "salve", sind auf die zentralen Aspekte des  folgenden Textes konzentriert, wobei "regina  misericordiae / Königin der Barmherzigkeit" und  "spes nostra / unsere Hoffnung" zunächst die  innerweltliche Befindlichkeit präludieren, die in  Vers 3-5 Gestalt gewinnt, während "vita  /(ewiges) Leben" und "dulcedo / Wonne,  wahres Glück, Seligkeit" sogleich in die  Transzendenz verweisen, an der Maria schon  teilhat und auf die sich Vers 6-9 als Hoffnung  und Ziel des Menschen richten. Nicht zu übersehen ist die logische  Konsequenz in der Reihe der litaneiartigen  Lobpreisungen: Königin - ewiges Leben -  Seligkeit und deshalb: unsere Hoffnung. Drei  Zeilen (3-5) schildern eindringlich das irdische  Los der Menschen als "exsules filii Evae /  ausgestoßene, verbannte, aus der Heimat  vertriebene Kinder Evas". Ihre Leiden sind die  Folge der Vertreibung aus dem Paradies und  damit theologisch sozusagen auf den Punkt  gebracht, und zwar in einer anschaulichen  Formulierung; die abstrahierende  Zurückführung auf die Ursache tut der  Bildhaftigkeit und emotionalen Steigerung bei  der Darstellung der gottfernen irdischen  Existenz des Menschen keinen Abbruch.  Sinnenhaft eindrucksstark ist auch "gementes  
et flentes / niedergebeugt, zu Boden gedrückt  und weinend", was mit dem traditionellen Bild "in  lacrimarum valle / im Tal der Tränen"  korrespondiert. Die identische Formulierung von  Aufschrei (ad te clamamus) und verzweifeltem,  kaum noch hörbarem Seufzen (ad te  suspiramus) ist eine stilistische Feinheit, wie sie  Hermann liebte.  Das nun folgende Gebet (Vers 6-9) beginnt mit  dem energisch auffordernden "eia ergo/wohlan  denn"; der dramatische Einsatz klingt nach  Hermanns Vorliebe für kräftige Strukturierung  seiner Texte und Einwirkung auf den Leser/  Hörer durch rhetorische Mittel und schroffe  Gegensätze, damit dieser die Aussage lebendig  und wach mit vollziehe. Der Leser /Hörer wird ja  gewissermaßen durch das "eia ergo" aus dem  Stimmungstief der vorausgehenden Schilderung  seiner Misere herausgerissen und auf "spes  nostra / unsere Hoffnung" hingelenkt. Dieses Stichwort der Einleitung faltet der  Gebetsteil neu aus. "Regina / Königin", die  Vorstellung von Macht und Einfluss, wird variiert  als "advocata nostra / unsere Sachwalterin"  wieder aufgenommen, und ebenso erscheint  "misericordia / Mitleid, Barmherzigkeit" wieder  als Adjektiv, verstärkt durch das Demonstrativ:  "illos tuos misericordes oculos / diese deine  barmherzigen Augen". Die Bitte, Maria möge  sich dem Elend der Menschen zuwenden,  überspringt sofort alle irdische Not, die wieder  präzis als Verbannung aus der wahren Heimat,  als "exsilium", charakterisiert wird, entsprechend  den "exsules filii" im vorangehenden  Textabschnitt. Artikuliert wird das Wichtigste: die  Bit6 te um Vermittlung des ewigen Lebens und  Heils (vita, dulcedo) in der Anschauung Gottes:  Jesum... ostende; die Satzklammer fasst die  christliche Erlösungstheologie in prägnanter  Kürze zusammen und vermittelt Heilsgewißheit  auch durch den beruhigten Duktus der  Satzfügung. - Die drei Anrufungen am Schluß  komprimieren das über Maria Gesagte und die  ihr vorgetragene Bitte: "clemens / die Gütige";  "pia / die Fromme, die das Gebot der  
Barmherzigkeit erfüllt"; "dulcis / die Zarte,  Mitfühlende, die spürt und weiß, was den  Menschen nottut". In der geistlichen Literatur des 11.  Jahrhunderts und später findet sich kaum ein  Gegenstück zu der Verdichtung der Aussage  und der Kohärenz, dem engen sprachlichen  und inhaltlichen Zusammenhang, aller  Textelemente im SALVE REGINA.  Außer textkritischen lassen sich auch  "innere" Gründe für Hermann den Lahmen  als Verfasser des SALVE REGINA anführen.  Möglicherweise ist seine Marienverehrung  und -dichtung, die die Reichenau zum  "Mutterhaus der marianischen Antiphonen"  machte, biographisch grundiert und hängt mit  der engen Bindung an seine Mutter  zusammen; sie sorgte verständnis- und  liebevoll für ihr behindertes Kind, und ohne  sie wäre er wahrscheinlich bald in einem  Winkel der väterlichen Burg eingegangen.  Den Tod Hiltruds 1052 erwähnte Hermann in  seiner Weltchronik, und er verfaßte eine  lateinische Grabinschrift, ein einmaliges  Dokument der Liebe und Dankbarkeit. Die  Charakterisierung der Verstorbenen beginnt  mit dem Vers:  "Mater egenorum, spes auxiliumque suorum Eine Mutter der Bedürftigen, die Hoffnung und die Hilfe der Ihren." Wenn man anstelle der leiblichen Mutter  Hermanns die Gottesmutter denkt, ist der  Vers eine Kurzfassung des SALVE REGINA;  das kann kein Zufall sein. Die Intensität, mit  der vom Menschenlos im Tal der Tränen  gesprochen wird, kann man als Hinweis auf  
den sein ganzes Leben lang leidgeprüften  Krüppel deuten. Auch die Erhebung Marias zur  "regina misericordiae", zur Königin des Mitleids,  der Barmherzigkeit - eine sonst nicht übliche  Titulatur - gehört hierher. Vor allem aber weist  die Anrede "advocata nostra" auf Hermann. In älteren Untersuchungen zu unserer Antiphon  wurde behauptet, die dem SALVE REGINA  zugrunde liegende Idee sei die Übertragung  des typischen Bildes der Fürsprache für  Geächtete und Verbannte vor dem König ins  Geistliche, Religiöse. Dies ist aber nicht haltbar, denn dieses Bild existiert nur in  Historiengemälden und Balladen. Es gab für  solche seltenen Rechtsakte keine feste Form; entscheidend war dabei auch nicht das  Auftreten eines Fürsprechers, sondern ein Akt  der Unterwerfung und Reue des Übeltäters; die  Bereinigung des Konflikts wurde zudem stets  vorher ausgehandelt und nur rituell in der  Öffentlichkeit vollzogen. Diese Rechtpraxis, die  einen Schlussstrich unter politische  Streitigkeiten zog, kann kaum das Bild  hergeben für das im SALVE REGINA  Gemeinte: die Erlösung im ewigen Leben.  Mittelalterliche Quellen verwenden bei solchen  Anlässen auch nicht den Ausdruck "advocatus /  advocata", sondern beschreiben das Eingreifen  eines Vermittlers stets mit "intervenire". Die  Metaphern "exsules filii Evae" und "exsilium"  sind mit der im Kontext näherliegenden  Beziehung auf das verlorenen Paradies  ausreichend und einleuchtend erklärt. Soviel ist richtig: Anklänge an mittelalterliche  Rechtsbräuche und Rechtsterminologie sind im  SALVE REGINA zweifellos vorhanden.  "Advocatus" (wörtlich: der Herbeigerufene) war  ein klar definierter juristischer Begriff und  bedeutete zunächst "Vogt" von Kirchen,  Klöstern und Spitälern; seine Aufgabe war es,  die zu schützen, die sich selbst nicht wehren  konnten; der König war oberster Vogt der  Kirche, der Schwachen und Hilflosen, der  Witwen und Waisen - eine seiner vornehmsten  Aufgaben. Wichtiger in unserem  Zusammenhang ist eine zweite Bedeutung:  
Behinderte, die allein nicht voll geschäfts- und  rechtsfähig waren, brauchten einen "advocatus", einen Pfleger, Sachwalter, der mit ihnen ihre  Interessen vertrat; er ist nicht dasselbe wie ein  Vormund. Nirgends sonst wird Maria "advocata"  genannt, und so kann es eigentlich nur Hermann der Lahme gewesen sein, dem zum  dramatischen Beginn des Bittgebets, auf dem  Höhepunkt und genau in der Mitte des ganzen  Textes, diese neue, ungewöhnliche Anrede für  die Gottesmutter einfiel, wie wenn dies ganz  selbstverständlich und für jeden Menschen  gültig wäre, so wie für ihn zeitlebens  Gebrechlichkeit und Hilfsbedürftigkeit die  Grunderfahrung menschlichen Daseins war. Unsere Argumentation, die sich an das Wort  "advocata" knüpft, hat nicht die Beweiskraft  eines Manuskripts des Autors oder der  eindeutigen Aussage eines vertrauenswürdigen  Augenzeugen; sie läßt sich aber noch stützen  durch literaturwissenschaftliche Erkenntnisse  über die Struktur und das Wesen der Metapher,  die Vorstellungen, Gedanken und Gefühle in  bildhafter Rede zugänglich macht. Metaphern  wurzeln in einem Bildfeld, allgemein bekannten  Leitvorstellungen, in unserem Fall in der  Glaubensüberzeugung von der besonderen  Rolle Marias, der Himmelskönigin, als Mittlerin  bei ihrem göttlichen Sohn. Jede, vor allem eine  neue, "kühne" Metapher hat aber auch einen  speziellen emotionalen und erfahrungsmäßigen  Gehalt, der aus dem Denken und Erleben ihres  Erfinders herzuleiten ist. "Advocata nostra" - so unsere Schlußfolgerung - ist der ganz persönliche Beitrag eines  Schwerbehinderten zum reichen Wort- und  Bilderschatz des Marienlobs und macht das  SALVE REGINA zum geistigen Eigentum  Hermanns des Lahmen!    
 Zur Autorenschaft des Salve Regina Bis zum heutigen Tage ist die Autorenschaft des Salve Regina, dieses sprachlich herausragenden Mariengebetes in lateinischer  Sprache, ungeklärt. Man kann die Situation vergleichen mit einem ungelösten Kriminalfall.   Wird ein neu angesetzter „Kriminalbeamter“ etwas Licht in die Dunkelheit bringen, dieses Werk neu bewerten, dessen Entstehung schon ca. tausend Jahre zurückliegt? Ein guter Kriminalist muss Jede und Jeden verdächtigen. Er muss bisherige Vermutungen hinterfragen, und er darf natürlich nicht mit  einer vorgefassten Meinung – soweit dies hier überhaupt möglich ist - an die Aufgabe herangehen.   Warum ist die Autorenschaft nicht archivalisch überliefert? Warum haben sich die Menschen (vermeintlich) erst so spät Gedanken über  den möglichen Autor oder die Autorin gemacht? Sind die bisherigen Zuweisungen nachvollziehbar, sind sie glaubhaft?   „Die erste Spur des Salve Regina geht bis ins 11. Jahrhundert zurück“ (Walter Berschin, 2004) [1]. Auch im Islam wird die „Mutter Maria“ verehrt, aber ein gläubiger Muslim würde in einem Gebet die Muttergottes wohl nicht dazu  auffordern, uns nach diesem Leben Jesus zu zeigen (nobis post hoc exsilium ostende). Als Gott wird Jesus nur im Christentum verehrt.  Wir können diesen Gedanken also fallen lassen.   Der Kreis der „Verdächtigen“ kann noch weiter eingeschränkt werden.   Zunächst soll hier an Loris Sturlese und an seine Aussage über das „Kulturmonopol der Benediktiner“ im 10. und 11. Jahrhundert  gedacht werden:   „Wer in Deutschland außerhalb des Benediktinerordens stand, war nicht in der Lage, eine schriftliche Hinterlassenschaft zu geben.“ [2]  Damit sind die möglichen Autoren des Salve Regina auf Benediktiner des 10. und 11. Jahrhunderts beschränkt. Kann es auch eine Benediktinerin gewesen sein? Ganz ausgeschlossen ist dies nicht, aber doch sehr unwahrscheinlich. Maria ist zwar für Benediktinerinnen zunächst die Mutter Gottes und erst in zweiter Linie eine Geschlechtsgenossin, aber sie würden Maria doch eher nicht mit „vita, dulcedo et spes nostra“ (unser Leben, unsere Süße, unsere Hoffnung) bezeichnen. Diese Aussage ist typisch für das Mittelalter, für den Minnesang, für die Verehrung der Frauen durch die adlige Männerwelt. Damit bleibt als Autor im Wesentlichen ein gelehrter Benediktiner des 10. oder 11. Jahrhunderts übrig. Das Salve Regina ist sprachlich auf so hohem Niveau, dass man von seinem Verfasser weitere literarische Arbeiten erwarten kann. Es wird also ein Benediktiner sein, der schon anderweitig aufgefallen ist. Schließlich ist das Salve Regina der Aufschrei der gequälten Kreatur. Es ist ein Hilferuf, gebändigt durch die strengen Gesetze der  Poesie. Kann das Salve Regina schon im 10. Jahrhundert etabliert gewesen sein? Die Tatsache, dass es in der Ostkirche unbekannt ist,  spricht für seine Entstehung erst im 11. Jahrhundert. In dieser Zeit war es schon nicht mehr denkbar, dass die Ostkirche ein Gebet der  Westkirche übernommen hätte.   Die für uns heute zeitlich älteste Zuweisung des Salve Regina versuchte Alberich von Trois-Fontaines und zwar favorisierte er den  Bischof Adhemar von Le Puy-en-Velay. Alberich, lateinisch: Albericus Trium Fontanum, war ein französischer Chronist des 13. Jahrhunderts, der wohl nach 1252 verstorben ist. Er war vermutlich ein Zisterziensermönch im Kloster Trois-Fontaines und veröffentlichte die Chronik Chronica  Alberici Monachi Trium Fontium. Diese Weltchronik reicht von der Schöpfung bis zum Jahr 1241. Aus der Rezension seiner Chronik bei Wikisource stammt dieser Satz: „....aber seine Kritik ist, namentlich den Legenden und Visionen gegenüber, sehr unzureichend.“ (de.wikisource.org/wiki/ADB: Albericus_von_Trois-fontaines-) Für Alberich war Hermann der Lahme ein Kollege. Dessen Weltchronik endet 1054, also rund 200 Jahre früher. Er erwähnt ihn aber  nicht als möglichen Autor des Salve Regina. Das kann nun mit dem gestörten Verhältnis der damaligen Kirche zu den Behinderten  zusammenhängen.   Über sehr lange Zeit bestand ein  Vorurteil der Kirche gegenüber Behinderten. Menschen, die nicht der Vorstellung vom menschlichen Ebenbild Gottes entsprachen oder deren Gebrechen sogar auf eine Verwandtschaft mit dem hinkenden Teufel schließen ließen, waren verdächtig, von diesem besessen zu sein. Hermanns Schüler Berthold schreibt über seinen Lehrer und Mitbruder Hermann:  „Er war derart durch die Grausamkeit der Natur an den Gliedmaßen verrenkt, dass er sich von der Stelle, auf die man ihn niedersetzte,  nicht ohne Hilfe wieder wegbewegen, noch sich auf die eine oder die andere Seite wenden konnte.“  [3]    Ea vero per omnes artuum compages immanitate / dissolutus erat, ne se loco, in quo ponebatur, absque iuvante quolibet aliquorsum  per se movere, neve saltem se in aliud latus vertere posset,  [4]    „Die Grausamkeit der Natur“, das sehen wir heute genau so. Aber wenn man die Geschichte der Behinderten im Mittelalter im PC  aufruft, dann wird hier Hermann der Lahme als die große Ausnahme dargestellt: ein Behinderter, dem man dennoch die größte  Achtung entgegen brachte.   Wir wissen nicht, ob alle Benediktiner der Reichenau Bertholds Ansicht geteilt haben oder ob er deswegen expressis verbis von der  Grausamkeit der Natur gesprochen hat, um eben anders denkende Mitbrüder von seiner Denkweise zu überzeugen. Jedenfalls haben  wir heute die größte Achtung vor dem naturwissenschaftlichen Denken der Reichenauer Mönche. Schließlich war das Kloster  im  Bodensee um diese Zeit ja aber auch die „Elite-Universität“ im damaligen Mitteleuropa.  Wenn Hermann der Lahme als Autor des Salve Regina noch im 11. Jahrhundert übermittelt worden war, dann durfte dieses Wissen  wegen der Ächtung der Behinderten nicht aufrecht erhalten werden. Es mussten als Autoren des Salve Regina repräsentative Männer  der Kirche gefunden werden, auch wenn diese sich bei näherem Hinsehen als völlig unwahrscheinlich herausstellten.  Wie kam es nun dazu, dass der Bischof Adhemar von Le Puy-en-Velay (gestorben am 1. August 1098 während des 1. Kreuzzugs)  durch Alberich von Trois-Fontaines als der Autor des Salve Regina zur Diskussion gestellt werden konnte?  Offensichtlich war übermittelt worden, dass die Kreuzfahrer schon des ersten Kreuzzuges das Salve Regina gesungen hatten. Damit kommt theoretisch jeder den Kreuzzug begleitende Hofkaplan als Autor des Salve Regina in Frage. Da war es bei diesem aussichtslosen Unterfangen  für Alberich wohl am Besten, dem geistlichen Anführer des Gesamtkreuzzuges die Ehre der Autorenschaft zukommen zu lassen. Aus dem anfangs Gesagten lässt sich aber Adhemar von Le Puy sicher ausschließen. Die Bischöfe des 11. Jahrhunderts waren eben keine gelehrten Benediktiner, sondern Männer der Welt, die sich ihr Amt nicht durch ein Studium und Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Theologie erarbeitet, sondern in der Regel mit diesem Amt belehnt worden waren oder es  sich erkauft hatten. Sie waren der lateinischen Sprache entweder gar nicht oder nur unzureichend mächtig. Wer sich mit dem 1. Kreuzzug beschäftigt hat, der gesteht dessen geistlichem Anführer sicherlich die Notwendigkeit zu, das Salve Regina täglich zu beten, aber er wird den Bischof als Autor völlig ausschließen. Jakob von Varazze (Vorago), bekannt als Jakobus von Voragine (*1230 + 1298), der Verfasser der Legenda aurea, hat den Bischof  Petrus von Compostela (spanisch: Petrus von Monsoro) in die Waagschale gelegt.  Der Legendenschreiber war möglicherweise schon  selbst auf einer Wallfahrt in Richtung Santiago, auf dem Weg zu seinem Namenspatron Jakobus, und hat unterwegs das Salve  gesungen. Jakobus von Voragine wurde um 1230 geboren, trat 1244 in den Dominikanerorden ein, wurde 1266 Professor für  Theologie und 1288 zum Erzbischof von Genua gewählt. Er konnte in Genua 1286 einen Streit zwischen Guelfen und Ghibellinen  schlichten. Wohl deswegen wurde er 1816 von Papst Pius VII. als Friedensstifter selig gesprochen.   Heimatkloster des Petrus von Compostela war advocación de Santa Maria. Das Wort advocación erinnert an den zentralen Satz des Salve Regina: Eia ergo, advocata nostra.... Philologisch gesehen ist allerdings gar kein Zusammenhang zwischen den Worten „advocación“ und „advocata“ gegeben.  Advocación  de Santa Maria bedeutet nur, dass dieses Kloster, das Heimatkloster des Petrus von Compostela, Maria gewidmet ist.   Die Wahrscheinlichkeit, dass Petrus von Compostela als Bischof ein Mann der Welt und kein Literat war, ist sehr groß. Die  Überlieferung ehrt ihn nicht als Kulturschaffenden.     Die erste „Zuschreibung“ des Salve Regina an Hermann den Lahmen, allerdings in versteckter Form, stammt von Johannes von  Viktring (*um 1270 + 1347), seit 1307 Abt in Viktring (Kärnten), Verfasser einer Chronik.   Man fragt sich, warum Johannes als Chronist sich nicht ganz offen für die Autorenschaft Hermann des Lahmen einsetzt und kann dies nur mit der damaligen offiziellen Meinung der Kirche zu Behinderten erklären. Diese Meinung teilte Johann von Viktring möglicherweise nicht und wollte deswegen wenigstens „durch die Blume“ doch Hermann den Lahmen als Autor des Salve Regina ansprechen. Hier soll nun erneut Berschin [1] zu Wort kommen. Er zitiert  die Hermann-Legende des Johannes von Viktring: „Zu dieser Zeit stand in Deutschland Hermann der Lahme auf seinem Höhepunkt, ein Mann vornehmer Abstammung, der sich in Paris  in der Hoffnung auf höchste Würden mit dem Studium plagte, aber wegen seines schwerfälligen Geistes nicht vorankam. Als er sah,  dass arme Leute niederen Standes hohen Rang in der Wissenschaft erreichten, schmerzte ihn das heftig und er vertraute sich voll  Eifer kniefällig der heiligsten Jungfrau an, die den Schlüssel zu den Wissens- und Weisheitsschätzen Gottes hat, und jammerte tags  und nachts, dass er nicht beschämt und bar jeden Wissens zu seinen Freunden und in sein Vaterland zurückkehren müsse. Die  Jungfrau, von der man weiß, dass sie milde, gütig und süß ist (clemens, pia et dulcis) und allen im Überfluss gibt, bot ihm folgendes  an: entweder überfließendes Wissen verbunden mit einer Auflösung seiner Glieder oder körperliche Gesundheit mit geistiger  Schwerfälligkeit wie zuvor. Letzteres verschmähte er und fand seine Freude an der Weisheit.“   ….  „Hier ist der [später zugefügte] Schluss des Salve Regina (o clemens, o pia, o dulcis)  so deutlich in das Gebet Hermanns eingebaut, dass man glauben möchte, das Gedicht sei von Hermann formuliert.“ Möchte er das Salve Regina in Verbindung mit Hermann dem Lahmen bringen, obwohl das von offizieller kirchlicher Seite nicht gewünscht ist? Johannes von Viktring hat also die heute in Oxford liegenden Hermann-Legenden gekannt, die für uns Gegenwärtige dann von Handschin aufgespürt, übersetzt und zugänglich gemacht worden sind. (Jacques Handschin, * 1886 in Moskau, + 1955 in Basel)  [5]  Als Arzt darf man sich Gedanken darüber machen, ob möglicherweise ein Zusammenhang zwischen der Krankheit Hermann des  Lahmen, in diesem Falle seiner Sprachbehinderung, und dem Salve Regina besteht.   Bei der Amyotrophen Lateralsklerose, einer Erkrankung, an der Hermann mit hoher Wahrscheinlichkeit gelitten hat, ist die Sprach- behinderung ein Leitsymptom. Das Salve Regina offenbart eine große Meisterschaft im Umgang mit den Vokalen. Diese hat wohl ihren Ursprung in der Sprachbehinderung Hermanns. Wie kein anderer musste er nach Beginn seiner Erkrankung die Aussprache der einzelnen Vokale üben und hat auf diese Weise ein viel subtileres Verhältnis zur Sprache bekommen als der Nicht-Sprachbehinderte. Am augenfälligsten kommt dies zum Vorschein in der Zeile: „illos tuos misericordes oculos ad nos converte.“ Nach Ernst Jüngers „Lob der Vokale“ tritt im O der Gegensatz von Höhe und Tiefe hervor. O, der Ausruf, der nach oben gerichtet ist. Das U, der Laut der Wurzel, des Ursprungs, der feierlichen Dunkelheit, wird im „Et Jesum benedictum fructum ventris tui“ gewürdigt, während die Hauptaussage dieses  Satzes: „nobis post hoc exsilium ostende“ wieder als Anruf gedacht ist. Dem E, dem unbedeutenderen, dem farblosen Vokal, sind nur zwei Worte gewidmet, nämlich: „gementes et flentes“. Hier meint sich Hermann selbst, beziehungsweise seine Mitbrüder, während er das A, den König der Vokale, der regina, der mater, der advocata nostra zugeeignet hat. Jakob Grimm rühmt das A als den ersten und edelsten Vokal, der gleichsam die Mutter aller Laute ist. Der erste Teil des Salve Regina, die invocatio, die Anrufung, ist ganz dem A, der zweite Teil, der die Fürbitten enthält, dem O gewidmet. Hermanns meisterlicher Umgang mit den Vokalen war nur in der lateinischen, der vokalreicheren Sprache möglich. Nun ein kurzer Blick auf das Sub tuum präsidium confugimus: Dieses älteste Mariengebet überhaupt kann als Vorgängergebet des  Salve Regina aufgefasst werden. Die inhaltliche Aussage ist dieselbe. Papst Paul VI. hat es wegen seines Alters als verehrungswürdig  bezeichnet.  Hier nun die lateinische und die deutsche Wiedergabe:   Sub tuum praesiduum confugimus,                   Unter deinen Schutz und Schirm fliehen  wir, Sancta Dei Genetrix.                                          o heilige Gottesgebärerin. Nostras deprecationes ne despicias                  Verschmähe nicht unser Gebet               in necessitatibus nostris,                                     in unseren Nöten,                                  sed a periculis cunctis libera nos semper,          sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren, Virgo gloriosa et benedicta.                                o du glorreiche und gebenedeite Jungfrau.                             Die spätere Ergänzung dieses Mariengebetes enthält die Bezeichnung „advocata nostra“ aus dem Salve Regina. Bei einem Vergleich  der beiden Mariengebete zeigt sich die hohe sprachliche Meisterschaft des Salve Regina.   Was spricht weiter für Hermann den Lahmen als den Autor des Salve Regina?  Eine unübertroffene Würdigung des Salve Regina findet sich in einem Aufsatz von Dr. E. Gruber, Bad Saulgau: „Hermann der Lahme und das Salve Regina“  [6]    Gruber schreibt: „Für Hermann als Verfasser sprechen stilistische Ähnlichkeiten mit Dichtungen, die unzweifelhaft von ihm stammen.“   Was spricht nun gegen eine Autorenschaft Hermann des Lahmen? Hier greift man am einfachsten auf die Gedanken von Hans Oesch zurück.[7]   Oesch war ein Schweizer Musikwissenschaftler des 20. Jahrhunderts.   Dabei ergibt sich nun zunächst die Frage: Ist Oesch selber ausreichend wissenschaftlich vorgegangen?   Seine Auseinandersetzung mit der Krankheit Hermanns ist sicherlich nicht ausführlich genug. Die Sprachbehinderung Hermanns wird  nicht berücksichtigt.   Seine Strategie, den Autor des Salve Regina zu finden, ist, zumindest teilweise, eine sehr einfache. Er fragt sich, wer als Erster eine  Zuweisung versucht hat. Und da kommt bei ihm Hermann der Lahme sehr schlecht weg. Er schreibt: „Die älteste Zuschreibung an  Hermannus stammt von Trithemius (Annales Hirsaugiensis ad annum Abbatiae vac. IV., 1690), also von einem sehr unzuverlässigen  und reichlich späten Gewährsmann.“  Johannes Trithemius (*1462 + 1516), Würzburger Benediktinerabt, war zu seiner Zeit zwar eine Autorität, aber nicht alle seine  Aussagen halten einer wissenschaftlichen Nachprüfung heute stand. Sonst hätte er den Geburtsort Hermanns nicht nach Veringen  gelegt und hätte die Reichenau nicht mit St. Gallen verwechselt. Die St. Galler aber haben sich über diese Ungenauigkeit gefreut und  1690, also ca. 200 Jahre später, die Hirsauer Chronik gedruckt. Seit dieser Zeit findet man in Kirchen, Klöstern und Bibliotheken - nicht  nur der Benediktiner -  in großer Anzahl Abbildungen von Hermann dem Lahmen, die ihn als Autor des Salve Regina auszeichnen.   Trithemius hat seine Kenntnisse über Hermann möglicherweise von dem Humanisten und Historiker Hartmut Schedel (*1440 + 1514),  der 1493 eine Weltchronik herausgab und damit in der Tradition Hermann des Lahmen war. Die Schedel'sche Weltchronik ist das am  umfangreichsten  illustrierte Buch des 15. Jahrhunderts, wurde 1493 in Nürnberg gedruckt und war wohl das Ergebnis einer  jahrzehntelangen wissenschaftlichen Arbeit. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben sich Schedel und Trithemius gekannt und ihr Wissen  über Hermann ausgetauscht.   Schedel, zitiert nach Brunold [8], schreibt:   Hermannus der lam und auch ein gaistlicher auss teutschem Land pürtig, ein man fürtreffenlicher synnreichigkeit hat dieser zeit als der, der in göttlichen dingen hochgeübt was, vil tapfferen lobgesang und sunderlich zu eren der junckfrawen marie das Salve regina und sunst vil anderer treffenlicher kunstreicher ding gesetzt und gemacht. Ungefähr gleichzeitig mit Jakob von Voragine hat Durandus gelebt, den Hans Oesch als Sprecher gegen Hermann den Lahmen ins  Feld geführt hat. (Guillaume Durand, Durandus von Saint-Pourcain, * ca. 1230 + 1.11.1296.) Er studierte Rechtswissenschaften in  Bologna, lehrte Kirchenrecht in Modena, erlebte eine Karriere unter den Päpsten Clemens IV. und Gregor X. In seinem Werk Rationale  divinorum officiorum schrieb er das Salve Regina Petrus von Compostela (Petrus von Monsoro) zu und – aus welchen Gründen auch  immer - ausdrücklich nicht Hermannus. (Oesch)  Damit muss um diese Zeit Hermann der Lahme als Autor des Salve Regina auf jeden Fall schon im Gespräch gewesen sein.   Daraus folgt, dass alle drei bisher vermuteten Autoren des Salve Regina im 13. Jahrhundert schon zur Diskussion standen. Dass Trithemius also ein „reichlich später Gewährsmann“ ist (Oesch), greift auf jeden Fall nicht. Die Kritik an Oesch muss hier noch deutlicher werden. Wenn Durandus expressis verbis Hermann den Lahmen als Autor des Salve  Regina ablehnt, dann hatte er natürlich seine Gründe. Diese Gründe gilt es zu durchleuchten und abzuwägen.   Nach den Vorstellungen der damaligen Kirche war es eben unvorstellbar, dass ein Krüppel, also ein Mensch, der nicht dem Ebenbild  Gottes entsprach, das wichtigste Mariengebet hätte schreiben können. Es musste eine Ersatzperson gefunden werden, ein  anerkannter Mann der Kirche, verehrt von den Gläubigen, wie damals der geistliche Anführer des 1. Kreuzzuges, der Bischof Adhemar.  Und da war Petrus von Monsoro durchaus willkommen.   Klaus Schreiner [9]  beschreibt in seinem Aufsatz „Vom adligen Hauskloster zum 'Spital des Adels' Hintergründe der Ausgrenzung von Behinderten durch geistliche Gemeinschaften“: "Abt Wilhelm von Hirsau war darauf bedacht, sein Kloster und die Klöster seines Reformkreises gegen Versorgungsinteressen der zeitgenössischen Adelsgesellschaft abzuschirmen. Für seine diesbezüglichen Anstrengungen fand er auch die ausdrückliche Zustimmung Udalrichs von Cluny, seines Jugendfreundes und bayerischen Landsmannes. Dieser hatte den nach Hirsau übersandten Bräuchen einen Widmungsbrief vorangestellt, in dem er die Absicht Abt Wilhelms lobte, sein Kloster nicht zur Versorgungsstätte für die lahmen, verstümmelten, schwerhörigen, blinden, höckerigen, aussätzigen oder sonst mit einem Übel behafteten Abkömmlinge adliger Familien werden zu lassen. Würden nämlich solche semihomines, die für ein Leben in der Welt untauglich und unfähig seien, von ihren Eltern dem Kloster übereignet, geschehe das nicht in frommer Absicht zur Ehre Gottes, sondern weltlicher Vorteile wegen. Edelgeborene Weltleute wollten sich auf diese Weise von der Last der Erziehung und Ernährung befreien oder die im Laienstand verbleibenden Sprosse ihrer zahlreichen Kinderschar mit einem größeren Erbe ausstatten. Wusste Udalrich, wovon er schrieb, als er kalt und unbarmherzig die Ärmsten der Armen als "Halbmenschen" bezeichnete, die für  gemeinsames Leben im Kloster nicht taugen? Hatten Klosterreformer in ihrem eifernden Rigorismus vergessen, dass Hermannus  contractus, der lahme Hermann aus der Familie der Grafen von Altshausen, seinen Gefühlsreichtum in unverwechselbaren Formen  religiöser Poesie auszudrücken wusste, Geschichte aufschrieb und die Zeit nach den Regeln damaliger Mess- und Rechenkunst exakt  bestimmen konnte? Hatten sie nicht bedacht, dass sich Gebrechen des Leibes, Regeltreue und schriftstellerisches Talent nicht  auszuschließen brauchen?"  Udalrich (Ulrich) von Cluny (*ca 1029 + 1093), auch Ulrich von Regensburg, Ulrich von Möhlinstal oder Ulrich vom Breisgau genannt,  war ein Benediktiner und Gründer u.a. des Klosters St. Ulrich im Schwarzwald. Er wird als Heiliger verehrt, sein Festtag ist der 10. Juli.  Bei dieser Distanzierung von den Behinderten ist es nun verständlich, dass der Kirchenrechtler Guillaume Durand (*ca. 1230 + 1296)  nach ausdrücklicher Distanzierung von Hermann dem Lahmen in Petrus von Compostela = Petrus von Monsoro einen würdigeren  Autor des Salve Regina gesehen und ihm dieses zugeschrieben hat.   Wie wenig wissenschaftlich aber das 13. Jahrhundert sein konnte, lässt sich in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“, Jahrgang 1827, Band 29, Seite 466 entnehmen. Bei der Diskussion der Frage, ob Petrus von Monsoro wirklich der Autor des Salve Regina sein kann, ist dieser Satz zu lesen: „ ... dass am Ende die Apostel selbst das Salve Regina griechisch abgefasst haben, wovon Petrus Compostellanus der lateinische Übersetzer sey.“ Das wissenschaftliche Klima war nicht gut. Um Hermann den Lahmen vom Makel eines Behinderten zu befreien, musste eine Legende  erzählt und sogar die Muttergottes bemüht werden. Da war es tatsächlich vielleicht besser, die zwölf Apostel als Autoren des Salve  Regina anzusehen.  Die Autorität Hermann des Lahmen und das Ansehen des Klosters auf der Reichenau als Hort der Wissenschaft waren aber so groß,  dass ca. 200 Jahre notwendig waren, bis sich die Kirche mit ihren Vorstellungen von der Minderwertigkeit Behinderter auch bezüglich  Hermann des Lahmen durchsetzen konnte.  Und nun die Lebensdaten der Gewährsmänner mit ihren unterschiedlichen Favoriten:       Gewährsmänner:                                                                     Favoriten: Alberich von Trois-Font. (ca.* 1200 + 1252):          Adhemar von Le  Puy-en-Velay Jakob von Voragine        (*1230 + 1298):           Petrus von Compostela = Petrus von Monsoro Guillaume Durand           (*ca. 1230 + 1296):          nach Distanzierung von Hermann d. Lahmen                                                                                                                                                                                                                                                                         Petrus von Compostela = Petrus von Monsoro Johannes von Viktring     (*1270 + 1347):           Hermann der Lahme (ein Hinweis) Johannes Trithemius       (*1462 + 1516):           Hermann der Lahme Glücklicherweise können wir uns heute völlig frei und unabhängig Gedanken über die Autorenschaft des Salve Regina machen und haben vor allem auch die Freiheit, das Ergebnis offen zu lassen. Wir müssen nicht die zwölf Apostel als Autoren dieses Gebetes bemühen. Beweise haben wir nicht, aber viele Indizien, die für Hermann den Lahmen sprechen. Johannes von Viktring hat „durch die Blume“ Hermann den Lahmen als Autor des Salve Regina angesprochen. Noch etwas vorsichtiger tut dies Berschin: „Die erste Spur des Salve Regina in den mittelalterlichen   Handschriften geht bis ins XI. Jahrhundert zurück. Immerhin ist das eine einst Reichenauer Handschrift.“ Dr. Walter Ebner, Markgröningen                            Alle Rechte beim Autor  [1]  Berschin Walter, Hermann der Lahme, Gelehrter und Dichter, Reichenauer Texte und      Bilder11, Heidelberg 2004 [2]  Sturlese Loris, Die Deutsche Philosophie im Mittelalter, Beck, München 1993 [3]   Hansjakob Heinrich, Herimann, der Lahme, von der Reichenau. Sein Leben und seine      Wissenschaft (Seite 42), Mainz 1875 [4]  Ian S. Robinson, Die Chroniken Bertholds von Reichenau und Bernolds von Konstanz     1054 – 1100,  Hannover 2003 [5]   Handschin Jacques, zitiert nach Hans Oesch, Berno und Hermann von Reichenau als      Musiktheoretiker“, Bern 1961 [6]  Gruber Ewald, Beiträge zur Kulturgeschichte von Altshausen und Umgebung, Altshausen 1997 [7]  Oesch Hans, Berno und Hermann von Reichenau als Musiktheoretiker, Bern 1961 [8]  Brunold Martin, Der Messing-Himmel. Eine Anleitung zum Astrolabium. In: Cartographica      Helvetica, Nr. 23, 2001 [9]  Schreiner Klaus, Vom adligen Hauskloster zum „Spital des Adels“. In: Rottenburger Jahrbuch      für Kirchengeschichte, Band 9 (Seite 36), Thorbecke 1990, 1 Salve, regina misericordiae,  2 Vita, dulcedo et spes nostra, salve. 3 Ad te clamamus exsules filii Evae, 4 Ad te suspiramus gementes et flentes 5 In hac lacrimarum valle. 6 Eia ergo, advocata nostra, 7 Illos tuos misericordes oculos ad nos converte 8 Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, 9 Nobis post hoc exsilium ostende, 10 O clemens, o pia 11 O dulcis Maria (Übernommen aus: „Hermann der Lahme und das Salve Regina“ [6] )    
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Zur Autorenschaft des Salve Regina
Hermann der Lahme und das Salve Regina
"Salve Regina im Himmel und auf Erden", Münster in Zwiefalten, Fresko über der Orgel, Künstler: Meinrad von Au (1712-1792)
Hermann in der Verehrung der Muttergottes, Ikonenmalerei von Regina Götz, Bad Saulgau
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